Die Massen der Studis im Obergeschoss des Clubhaus, die dort schon am Dienstag mittag den Ausnahmezustand des kollektiven Lernens demonstriert haben, hatten ihren “Zuspruch” zur späteren Protestkundgebung auf dem Holzmarkt schon angedeutet: Sie würden keine Zeit haben. Und in der Tat – das studentische Tübingen war am Abend des 25. Januar nicht sehr stark auf dem Holzmarkt vertreten.
(“Kundgebung für kostenlose Bildung”? Da hat die Redakteurin wohl leider etwas falsch verstanden. Freie Software ist ja auch mehr als nur “umsonst”. Aber ihre Beobachtung stimmt leider: Mehr als 70 Leuten hatten sich nicht zur Kundgebung auf dem Holzmarkt versammelt.)
Vielleicht sollte man aber die Studis im Clubhaus und in der UB auch nicht falsch verstehen: Sind sie es nicht, die dort gegen Lernstress und Bachelor-Bulimie-Lernen – in performativer Weise – demonstrieren? Und das nicht nur an einem Abend, sondern sogar wochenlang am Stück?!
Viele gehen gerne in die Hausbar der Münzgasse 13, aber sicher wissen nicht alle, wie lange das Haus schon von Studierenden bewohnt wird und wie es zur heutigen Wohnsituation kam.
Vielen ist es sicher auch egal. Für alle anderen habe ich einen Hintergrundartikel für die bald erscheinende Kupferblau 24 geschrieben, den ihr hier beim Bildungsmagazin lesen könnt:
Telepolis widmet sich in “Die neue Zuchtwahl” dem immer mehr aufkommenden Sozialdarwinismus und -rassismus der sogenannten “Leistungselite”. Dabei werden richtig gruselige Statements zitiert, wie z.B. dieses hier:
“Wenn jemand existenziell bedroht ist, weil er nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren, muss er meiner Meinung nach die Möglichkeit zu einem geregelten Verkauf von Organen haben”, sagt Peter Oberender, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Bayreuth.
Falls man das aus dem Zitat nicht so richtig versteht, weil es auch so gestelzt ausgedrückt wird (“diie Möglichkeit [...] haben”): Ja, es geht tatsächlich um den Verkauf von eigenen Organen, durch den man sich als armer Mensch Bares erwirtschaften soll.
Aber kann es überhaupt für alle studienwillige Bachelor-Absolventen Master-Studienplätze geben? Darüber haben sich die politisch Verantwortlichen offenbar wenig Gedanken gemacht. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat sich mit der erwarteten Nachfrage und dem Studienplatzangebot bislang nicht auseinandergesetzt, gibt eine Sprecherin zu: “Auf Arbeitsebene wird aber versucht, die Entwicklung generell im Auge zu behalten.”
Klar ist: Wer ein System wie BA/MA einführt will keinen Master für alle. Vielmehr soll die Uni in ihrer “Funktion” als kostenlose Ausbildungsstätte für die Wirtschaft weiter ausgebaut werden, das zeigen die dauernden Forderungen nach “Praxisbezug” immer wieder, die zum Teil ja leider selbst von Studierenden zu hören sind.
Das BA/MA System dient dabei als Vorfilter für die Jobs in der Wirtschaft: Der BA reicht für viele Stellen auf die “Akademiker” sich bewerben sollen und die müssen ja dann nicht so gut bezahlt werden wie Master-Absolventen. Praktisch.
Wo dann wirklich die Qualifikationen eines “Masters” gebraucht werden, da hilft die Einteilung der Studies in zwei Güteklassen: Man muss sich deutlich weniger BewerberInnen anschauen, wenn man die BA-Studies gleich außen vor läßt.
Mag schon sein, dass das Humboldtsche Bildungsideal elitär ist und auch nicht das Gelbe vom Ei. Aber diese Blockade von Uni-”Karrieren”, nur weil einer um eine Viertel-Note schlechter ist als sein “Konkurrent” aus dem gleichen Seminar, ist einfach nur zynisch.
Da inzwischen jedem klar ist wie es auf dem MA-Markt aussieht muss man natürlich auch nicht erwarten, dass die heute übliche Mehrfachst-Bewerbung auf zig Studienplätze geringer werden würde. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis die Bewerbung auf einen Master-Platz nur nach Zahlung einer entsprechenden Aufwandsgebühr überhaupt bearbeitet wird. Das freut natürlich die, die es sich dennoch leisten können. So wird der Zugang zum öffentlich finanzierten Uni-Betrieb am Ende auf diejenigen beschränkt, die nicht schon vorher an den (finanziellen) Hürden scheitern.
“In nur geringfügiger Übertreibung und Zuspitzung kann man sagen, dass die von Arbeitslosigkeit betroffenen Teilbereiche des Bildungssystems heute mehr und mehr einem Geisterbahnhof gleichen, in dem die Züge nicht mehr nach Fahrplan verkehren. Dennoch läuft alles nach den alten Mustern ab. Wer verreisen will – und wer will schon zu Hause bleiben, wo das Zuhausebleiben Zukunftslosigkeit bedeutet -, muss sich in irgendwelche Warteschlangen zu den Schaltern einreihen, an denen Fahrscheine für Züge vergeben werden, die meist sowieso überfüllt sind oder nicht mehr mit der ausgezeichneten Zielrichtung abfahren. Als sei nichts geschehen, verteilen die Bildungsbeamten hinter den Fahrkartenschaltern mit großem bürokratischen Aufwand Fahrkarten ins Nirgendwohin und halten die sich vor ihnen bildende Menschenschlange mit der ‘Drohung’ in Schach: ‘Ohne Fahrkarte werdet ihr nie mit dem Zug fahren können!’ Und das Schlimme ist, sie haben auch noch recht…!”
aus: Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp 1986., Seite 238
Ein sehr nettes Videos darüber nach welchen Kriterien (teilweise) sogenannte “Führungskräfte” ausgewählt werden.
Basis ist eine These zum Arbeitsmarkt der westlichen Industrie-Staaten nach dem kanadischen Soziologen Dr. Laurenz Peter.
Die Räumung der Tübinger Uni hat eine “Jetzt erst recht”-Haltung
ausgelöst, sagt der Student Fabian Everding. Denn die Proteste haben
einen Hintergrund: Zu wenig Geld für Bildung.
Aus der aktuellen “w3b” Online-Befragung der “Internet-Marktforscher” von Fittkau & Maaß:
Ich finde speziell die letzten beiden Punkte äußerst witzig beziehungsweise gruselig. Aber “Kosten für einen Umzug aus Liebe steuerlich absetzbar” hat natürlich auch schon wieder was. Das “Kennenlernen am Arbeitsplatz” dürfte allein schon daran scheitern, dass Partnerschaften innerhalb des Unternehmens bei den meisten Firmen eher ungern gesehen werden dürften.
Ansonsten kann man aber durchaus an der Umfrage teilnehmen, das war mit Abstand die obskurste Frage die dort aufgetaucht ist.